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Griechische Mythologie

Einführende Gedanken zu den mythologischen Bildern von Erich Grün

I. Mythische Weltdeutung

Mythologie bedeutet Speicherung der religiösen Vorstellungen, der Welterlebnisse und der Weltdeutung eines Volkes von seinem Urbeginn an in einer Masse von Sagenstoffen, die es tradiert und zu seiner Selbstidentifikation benötigt. Die griechische Mythologie besteht aus der Theogonie, der Kosmogonie und den Heroensagen. Mit den beiden ersten Bereichen, also mit der Götter- und der Weltentstehung, befassen sich die Bilder Erich Grüns.

Die Mythen, wie wir sie kennen, wurden von griechischen und römischen Dichtern und Geschichtsschreibern nach jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung schriftlich festgehalten. Sie bilden kein System, kein in sich schlüssiges und logisches Lehrgebäude, sondern haben fragmentarischen Charakter. Vermutlich war die Urbevölkerung Griechenlands mutterrechtlich eingestellt und verehrte erdgebundene Gottheiten in Tiergestalten und in orgiastischen Kulten, während das einwandernde Hirtenvolk die himmlischen Herrscher einführte und vaterrechtlich eingestellt war. Viele Eigentümlichkeiten der uns bekannten Mythen finden in dieser Mischung ihren Ursprung. Uneinheitlichkeit kommt auch dadurch zustande, daß die Mythen in der homerischen Auffassung und Ordnung ganz anders erzählt werden als in der Tradition der Orphiker. Gerade das Undogmatische und Offene der mythischen Götterlehre bewirkt ihren toleranten und humanen Charakter. Sich im Besitz der einzigen Wahrheit zu wähnen, wäre Hybris gewesen. Die Mythologien der Völker zeigen, daß es keine ungläubigen Menschen geben konnte. Religiosität gehört zum Menschen wie der Gebrauch des Feuers und wie die Sprache.

Mythen haben den Charakter ewiger Aktualität. Ihre Motive werden immer wieder neu erlebt. Mythen betreffen uns. Sie "be-gründen" in dem doppelten Wortsinn, auf den Kerényi hingewiesen hat, unsere Welt aus der "Brunnentiefe der Zeiten" (Thomas Mann).

Die griechische Mythologie begründet unsere abendländische Religion und Kultur. Neben ihren bewundernswerten philosophischen und künstlerischen Fähigkeiten hatten die Griechen den mythischen Blick. Der befähigte sie einerseits, das Geistige zu konkretisieren, und andererseits, in der Materie und in der Natur den Geist zu erkennen, den Gott. Was sie mythisch erblickten, setzten sie in eine anthropomorphe Bildlichkeit um. Am Anfang des Mythos steht also nicht das Wort, obwohl "Mythos" die Bedeutung von "Wort" hat, sondern das Bild. Ist das Urbild gesehen, können die Geschichten beginnen.

Die griechischen Mythen drücken tiefe Religiosität aus. Zwar sind die homerischen Götter mit bedenklichen Schwächen behaftet, sie werden aber trotzdem als transzendente Mächte geehrt und gefürchtet. Man war stets darauf bedacht, nicht gegen ihren Willen zu verstoßen, weswegen man die Orakelstätten benötigte, und sich ihrer Hilfe zu vergewissern, wozu man die Opferbräuche einsetzte. Gerade hier zeigt sich der transzendente Charakter der oft allzumenschlichen Götter am besten: Die Speiseopfer konnten nur transformiert, als Rauch, in die jenseitigen Götternasen dringen. Apollon konnte seine Orakelnachrichten nur transformiert, als Rauch, über die Nase der Phythia in das Diesseits senden. Und wie abenteuerlich mußte sich Zeus transformieren, wenn er diesseitigen Obliegenheiten nachkommen wollte!

Die Bilder Erich Grüns führen uns an den Punkt zurück, wo das mythische Bild erschaut wird. Die Gliederung des Bildmaterials repräsentiert die Anordnung des mythischen Weltbildes: Urbeginn und erstes Wirken des Eros - Aufteilung der Herrschaftsbereiche unter Zeus, Poseidon und Hades - erdgebundene Naturgeister - Entstehung des Menschen und seine Beziehung zu den Göttern.

II. Mythos und moderne Welt

Humanismus und Renaissance haben das Mythologiebewußtsein in der nachmittelalterlichen Welt wachgerufen. Seither durchsetzen mythische Motive und Anspielungen alles, was geschrieben, gemalt, gebaut und gedacht wurde. Mythologie wurde zum Hauptbildungsgut der Jugend. Mehr und mehr verkam sie zur Konvention, zum Zierrat und Stoffreservoir.

Die mythologisch orientierte, von Carl Gustav Jung konzipierte und initiierte tiefenpsychologische Theoriebildung wirkte auch in der Mythenrezeption revolutionär.

Die Vorstellung, daß Mythen als kollektive Archetypen im und über das Unbewußte Wirkungen ausüben, löste eine Welle neuer literarischer, lyrischer, dramatischer Mythenbearbeitung aus. An diese psychologische Aktualisierung der Mythologie knüpft nun die malerische Mythenbearbeitung Erich Grüns an.

Grüns Mythenbearbeitung stellt sich der konventionellen entgegen. Er bildet nicht ab. Seine Bilder stellen nicht Szenen aus den Sagen vor, sondern sie stellen die mythischen Urbilder, aus denen die Sagen entstanden, dar. Sie gehen an die Quellen zurück. Seine Bilder erzählen nicht, sondern konfrontieren mit dem Motiv, dem Bewegenden der Erzählungen. Wir erkennen in ihnen nicht das wieder, was wir einmal gelernt haben, sondern wir erleben eine Bewußtseinserweiterung. Unsere Phantasie wird angeregt, wir versetzen uns in die Uranfänge zurück und erleben die Schauer des ersten mythischen Erkennens nach. So lehren uns die Bilder Erich Grüns den mythischen Blick.

Das Malen befreit sich von fest umrissenen, begrenzenden Inhalten und Konturen und identifiziert sich direkt mit dem Geist, aus dem der Mythos lebt. Es ist der Geist der zusammenschauenden Phantasie, der traumartigen Bewußtseinsinhalte, der Ahnungen einer transzendenten Wirklichkeit. Die Aquarelltechnik kommt solcher entgrenzenden Intention entgegen.

Mit der Anregung mythischer Phantasie verbindet sich eine didaktische Wirkung. Sie zielt auf ein Umdenken in Bezug auf unsere Einstellung zur Natur ab, das so dringend erforderlich ist. Zwar wurden die Mythen zum tragenden Element unserer Kultur, aber die in ihnen lebende religiöse Beziehung zur Natur starb ab. Unsere Natur ist entdämonisiert, entgöttert, entheiligt. Wir haben sie zur Sache erniedrigt. Wir müssen eine Einstellung zur Natur zurückgewinnen, in der sie entsachlicht wird: wir müssen ihr den transzendenten Rang wiedergeben!

Hans Westerhaus

Zufälliges Bild

(ohne Titel)
Nr. 1095
Datiert auf 1994
Zyklus: Werden & Vergehen
Aquarell
47,5 x 65,5 (Rahmen: 65 x 80)


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