Kataloge

Der Maler und die Mythologie

Einblick

Den Auftrag, nach der Erarbeitung von zwei Katalogen nun eine größere Studie über den Maler Erich Grün zu versuchen, habe ich gern übernommen und werde ihm im folgenden Sinne nachzukommen versuchen. Die Kunst des Malers Erich Grün soll als eigenständiges und rätselhaftes Phänomen beleuchtet und aus ihren eigenen Wurzeln heraus, wenn auch nicht erklärend analysiert, so doch vorgestellt werden.

Die Blicke auf seine Werke sind nicht denkbar ohne Blicke auf sein Leben, weil er es von Jugend auf malend verbracht hat. "Ich male, also bin ich" könnte als Motto über dem Lebenslauf stehen. Der Lebensüberblick basiert auf Befragungen und Gesprächen bei früheren Gelegenheiten, aber hauptsächlich im April 2007. Letztere sind auf Bändern mitgeschnitten.

Die Blicke auf das Werk sind ebenfalls nicht denkbar ohne die Kataloge, in denen es großenteils gespeichert ist. Um einen Überblick zu gewinnen, müssen sie im Zusammenhang vorgestellt werden. Das betrifft nicht nur die Bildauswahl, sondern auch die Literatur über Erich Grün und seine Maltechniken.

Zusammengefasst weist das Werk, besonders was die Aquarelle betrifft, folgende Bandbreite auf: es gibt relativ konkrete Darstellungen von Szenen, also "narrative" Elemente. Ferner relativ klar umrissene Figuren, neben sehr vielen Köpfen und Gesichtern in bildbeherrschender Funktion. In einer weiteren Abstraktion verschwinden klar erkennbare Charaktere, und es tauchen geheimnisvolle Augen und figürliche, aber verschwommene Andeutungen auf - ein geisterhaftes Personal, das mit der Umwelt verwoben ist. Und schließlich gibt es viele Bilder, die nur noch Farbwelten präsentieren, bei denen das Suchen nach Elementargeistern vergeblich ist. Im Katalog "Griechische Mythologie" habe ich die Affinität des Malers zum Mythischen erstmals angedeutet und dann im Katalog "Die Schaffensperiode von 1992 bis 2004" weiter ausgeführt, in dem Sinne, dass der Maler uns geradezu wie ein Medium erscheint, durch das mythische Mächte bzw. die Macht des Mythos sich Bahn bricht in unsere Welt. Die Affinität zum Mythischen lässt sich gut verbinden mit der Intention, durch Malen und Bildbetrachtung die Vorstellungskraft, die Fantasie zu fördern. Dieser Ansatz, Erich Grüns Kunst generell "mythisch" zu nennen, soll in dieser Studie weiter ausgeführt werden. Seine Bilder nähern sich dem Bereich von Urbildern, aus denen die Mythen herausgesponnen wurden.

Wenn eine Mythologie, und Mythologien bilden ja den Kern des Gesamtwerks, als Zyklus gemalt wird, der kaum erzählende Elemente enthält, muss der Betrachter in die Lage versetzt werden, die Andeutungen zu ergänzen, d.h., er muss die Mythologie kennen, um die "Urbilder" würdigen und einordnen zu können. Im Katalog der Griechischen Mythologie wird zu jedem Bild der Mythos erzählt. Die anderen Kataloge enthalten nur Kurztitel. Ich habe es als eine Hauptaufgabe dieser Studie betrachtet, die jeweilige Mythologie zusammengefasst, im Überblick, vorzutragen, gewissermaßen als Hintergrund für die Bilderwelt. So ist sie also schwerpunktmäßig eine Studie der Mythologie geworden.

Die Schauplätze heute

Wer sich in der ehemaligen Residenzstadt Gelle auf die hübsche Landstraße nach Hermannsburg, dem Ort des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks, begibt und in dem Heidedorf Eversen nach links abbiegt, trifft nach einem Kilometer auf das furchterregende Ortsschild "Feuerschützenbostel". Der Ort beherbergt alles in allem 22 Seelen und besteht im Wesentlichen aus einem Rittergut, in welchem die Familie v. Harling seit rund 200 Jahren Land- und Forstwirtschaft betreibt. In alter Zeit saß dort ein frommer Ritter, der von einem bösen Ritter so lange gepiesackt wurde, bis er sich mit einer Handfeuerwaffe versah und auf den räuberischen Kollegen anlegte. Darob entfloh selbiger mit dem Ruf: "Hilf, Hilfe, er schießt mit Feuer!" (in der neuhochdeutschen Version), soweit die Legende zum Ortsnamen. Rechts führt ein breiter Feldweg, der nicht minder furchterregend ist, weil von grotesken Dämonen flankiert und abgeschlossen, zum Anwesen des Ehepaars Grün, ihrem Sommersitz. Die hölzernen Trolle mit ihren skurrilen, großgeäugten Gesichtern und gewaltigen Händen und Füßen sind aber gute Geister, lustige Leitfiguren, die den Zugang zum Künstler vor bösen Geistern schützen und anzeigen, dass ihr Herr in der Welt der Elementargeister, der Mythen und Dämonen, "zu Hause" ist. Diese Welt bildet den Wurzelgrund seines Schaffens, und die Figuren haben, wenn man so will, eine Schlüsselfunktion. Ihre skandinavische Herkunft können sie nicht verleugnen.

Das Wort "Schau-Platz" könnte, bezogen auf einen Maler, eine ursprüngliche Bedeutung, nämlich als Ort des Schauens, erhalten. Sensationelles zu Schauen gibt es aber in dem abgelegenen Heidewinkel nicht, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Goethes Verse: "Ich blick in die Ferne, ich seh' in der Näh', den Mond und die Sterne, den Wald und das Reh" könnte der Maler wörtlich auf sich beziehen. Sensationell, allerdings für das Ohr, ist nur im Herbst das markerschütternde Brunftgebrüll der Hirsche, mit dem sie Weibchen, Rivalen und Romantiker aus Celle beeindrucken. Heide und Hirsche - wer hier eine Inspirationsquelle vermutet, ist auf dem Holzweg. Die Anschauung vieler Landschaften dieser Welt mögen die Vorstellungswelt des Künstlers geprägt haben, aber kaum die Lüneburger Heide. Er ist kein Heidemaler geworden, zumal er ja nie vor Ort, also direkt Geschautes, gemalt hat. Ein Hirschgeweih allerdings hat doch den Weg in die Künstlerwohnung gefunden, aber bei diesem schönen Zwölfender handelt es sich nicht um eine Feuerschützentrophäe, sondern um ein Erb- und Erinnerungsstück der Familie Keitel, das für Erich Grüns Frau von großer Bedeutung ist. Eine lappländische Rentierherde, großformatig in Öl, beherrscht neben einer gewaltigen Farbkomposition den Raum.

Das Sommerdomizil der Grüns hat eine einzigartige Atmosphäre. Ein Stallgebäude des Rittergutes wurde so geschmackvoll aus- und umgebaut, wie man es von dem handwerklich versierten Künstler nur immer erwarten kann. Die Balken, soweit sie nicht größeren Ölgemälden als Lagerung dienen, lassen den Blick zum Dachstuhl frei. Das Zentrum beherrscht eine quadratische Eichenplatte von stattlichen Ausmaßen, an der 16 bis 20 Personen bewirtet werden können, wenn sie sich von den Kunstgenüssen erholen müssen. Zu diesen Genüssen gehört auch die Hausmusik, die auf zuweilen beträchtlichem Niveau gepflegt wird, für Dr. Keitel-Grün zuständig ist und Erich Grün weit offene Ohren hat. Ein wunderschöner Rasen- und Blumengarten liegt geborgen und umgeben von himmelhoch entwachsenen Nadelbäumen, und dahinter erstreckt sich die typische Wald- und Wiesenlandschaft der Heide, durchflossen von der Örtze, einem typischen Heideflüsschen. In einer Ecke des Gartens erlebt ein ältliches Gewächshaus eine jugendliche Glorifizierung als Atelier. Es hat allerdings noch eine Konkurrenz in Gestalt eines umfangreicheren, mit Brettern ausgeschlagenen Ateliers, wo in Öl gemalt wird und wo die fertigen Produkte, köstlich duftend, aufbewahrt werden. Die Patina des ganzen ist betörend, zumal wenn "Sphärenklänge" aus dem Haus ertönen.

Die unglaubliche Produktivität des Malers erfordert eine eiserne Kondition. Sie wird sicherlich gefördert und gut erhalten mit Hilfe eines Sees, der ganz in der Nähe "zum Bade lächelt" und des großen Wanderwegs, der vor dem Haus seinen Anfang nimmt und zu einer hübschen Brücke und zu den Hirschen im Wald führt. Weiterhin gelangt man nach Wolthausen an der B3. Bevor die Straße nach Eversen gebaut wurde, war dies die einzige Verbindung zum Rittergut.

Im Kontrast zur ländlichen Sommeridylle steht der großstädtische Winterwohnsitz in Hannover. Die sehr geräumige Wohnung in der Belletage eines großbürgerlichen Hauses nahe der Eilenriede bietet genug Ausstellungswände für die großen Serien bzw. die Produktion des Jahres. Außerdem beherbergt sie das Archiv der über dreitausend Aquarelle und Ölbilder, soweit sie nicht in Feuerschützenbostel oder andernorts lagern. Die Zyklen zum Alten und Neuen Testament werden im Landeskirchenamt Hannover aufbewahrt, und der zur Kalevala befindet sich in Helsinki. Die Wohnungseinrichtung ordnet sich dem unter, und Platz für Konzerte ist auch hier reichlich vorhanden. Im November sind die Hängearbeiten beendet, und die Freunde können kommen, zum Bewundern und zum Kaufen. Die Bilder werden in großformatigen Mappen und Gestellen zum Durchblättern aufbewahrt. Das Auffinden bestimmter Arbeiten erscheint angesichts der Massen langwierig bis hoffnungslos, aber dank der gewissenhaften Sorgfalt von Frau Dr. Keitel-Grün gibt es ein System. Von jedem Bild wird ein Dia angefertigt, und der gesammelte Schatz kommt sodann in einen Jahrgangsordner. Kennt man das Entstehungsjahr, findet man auch das Dia oder auch umgekehrt. Gegen das Licht gehalten, kann man auf einem Dia das Bild relativ leicht erkennen, wenn es deutliche Konturen hat, z.B. durch den Einsatz des Aquarellstifts, bei vielen gegenstandslosen Farbkompositionen dagegen ist Erfolg nur dem einschlägig geschulten Auge des Fachmanns beschieden, der z. B. mit einer Reproduktion betraut wurde. Sehr hilfreich ist die flankierende Maßnahme der jährlichen Fotokalender: von jedem Jahr gibt es 12 vergrößerte Fotos im Folgejahr, also z. B. die Auswahl von 98 in dem Kalender von 99. Einen Überblick über das Gesamtwerk oder zumindest eine Einsicht wird durch die Kataloge, die im folgenden vorgestellt werden und die in Hannover lagern, ermöglicht. Leider kann der Verbleib von vielen verkauften Bildern nicht mehr festgestellt werden.

Hans Westerhaus

Zufälliges Bild

(ohne Titel)
Nr. 2401
Datiert auf 1968
Aquarell
29,5 x 39 (Rahmen: 40 x 50)


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