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Elias

Elias

Die Kunstwerke, die in diesem Buch vorgestellt werden, gruppieren um drei Persönlichkeiten: Elias, der große Prophet des Alten Testaments, Felix Mendelssohn-Bartholdy, der die Elias-Geschichte in unvergesslichen Klängen vertont hat und Erich Grün, der Maler, der sich von jenen beiden erstgenannten historischen Personen zu einem ausführlichen Zyklus von eindrucksvollen Bildern inspirieren ließ.

I

"Mein Gott ist Jahwe", so wird der hebräische Name des Propheten Elijjahu übersetzt, der im Deutschen Elias heißt. Aus Thisbe im Ostjordanland stammt dieser Mann, der während der Regierung der Könige Ahab und Ahasja um die Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. im Nordreich Israel lebte.

Elias muss eine außergewöhnliche Volkstümlichkeit gehabt haben, denn zahlreiche legendäre Züge zeugen von der Liebe folgender Generationen zu dieser gewaltigen Prophetengestalt, mit der man sich über die nächsten Jahrhunderte weiterhin beschäftigen werde. Noch vor König und Volk trat er ungestüm für Jahwe ein und predigte öffentlich und ungefragt überall dort, wo sein Gott es ihm befahl. Die Erzählungen des Alten Testaments über ihn sind enthalten im 1. und 2. Buch von den Königen und handeln unter anderem von einer mehrjährigen Dürre im Lande und der wunderbaren Speisung des Elias, der Wiederinbesitznahme eines ursprünglich Jahwe geweihten Heiligtums, der Verfolgung des Propheten durch die Königin Jezebel sowie letztlich auch der Geschichte seiner wunderbaren Entrückung und Himmelfahrt.

Elias wird als Erwecker des Jahweglaubens angesehen und somit als einer der zentralen Gestalten der jüdischen Geschichte. Mit seinem nachdrücklichen Kampf gegen den Baalkult wurde er zu einem der wichtigsten politischen und sozialen Wortführer Israels. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. wie auch in der frühen rabbinischen Tradition galt Elias als Vorläufer des Messias. Im Neuen Testament wird Jesus gegenüber an verschiedenen Stellen, etwa Markus 4,14-15 und 8,28, die Gleichsetzung mit Elias erwogen. Im Pantheon der großen Propheten des Alten Testaments wird Elias meist neben, Mose, Abraham und David im Neuen Testament erwähnt.

In der bildenden Kunst ist Elias eine der am meisten dargestellten Gestalten des Alten Testaments. Schon in einem der prominentesten Beispiele jüdischer Kunst - von der es wegen des Bildverbots in den Zehn Geboten nur vergleichsweise wenige figürliche Darstellungen gibt -, nämlich in den Fresken der Synagoge von Dura-Europos aus Zeit um 245/56 n. Chr., wird Elias in einer ausführlichen Bilderfolge von Ereignissen aus seinem Leben gezeigt. In der christlichen Kunst jedoch war es neben zahllosen Einzeldarstellungen von Elias als Bärtiger in der Reihe der Propheten vor allem eine Szene, die sowohl in theologischer als auch in künstlerischer Hinsicht am meisten faszinierte: die Himmelfahrt des Elias. Als beliebtestes Vorbild des Alten Testaments für die Himmelfahrt Christi ist die Szene etwa mit dem Propheten in einem von Pferden in den Himmel gezogenen feurigen Wagen schon in der frühchristlichen Kunst des 5. Jahrhunderts und besonders häufig seit dem 12. Jahrhundert nachweisbar. Und auch die Speisung des Elias findet man, bezugnehmend auf das eucharistische Mal, auf Altarretabeln des 15. und 16. Jahrhunderts und auf zahlreichen Ausstattungsgegenständen der Barockzeit.

II

Zu frenetischen Ovationen wurde das Oratorio "Elija" unter der Leitung seines Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) am 26. August 1846 auf dem Birmingham-Musikfest in englischer Sprache uraufgeführt. Der von der Vorstellung tief bewegte Prince Albert schrieb sogar eigenhändig folgende Inschrift in die Partitur des Musikers: "Einem edlen Künstler, dem es - umgeben von der Baalsverehrung falscher Kunst - durch sein Genie und seine Kenntnisse wie einem zweiten Elias gelungen ist, die Verehrung der wahren Kunst zu bewahren ..."

Mit der jüdischen wie auch der christlichen Tradition vertraut, hegte der Komponist schon seit Jahren den Plan zu diesem Werk mit Texten nach dem Allen Testament. In einem ungewöhnlichen dramaturgischen Coup überrascht und fesselt Mendelssohn-Bartholdy sein Publikum noch heute mit einem höchst dramatischen Prolog vor der üblichen Ouvertüre, in der der Prophet Elias die bevorstehende Hungersnot mit den Worten verkündet: "So wahr der Herr, der Gott Israels lehrt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn."

Die Elias-Bilder sind nicht die ersten, die der hannoversche Maler Erich Grün zum Alten Testament geschaffen hat. Seit Jahrzehnten begleitet den 1915 im sibirischen Pyschminskoje geborenen Künstler die kreative Kraft der biblischen Gestalten und Geschichten. Doch angeregt von einem großartigen Kunstwerk einer anderen Gattung, nämlich der Musik Felix Mendelssohn-Bartholdys, schuf Erich Grün einen epischen Zyklus von fast 80 Blättern, in denen die Natur eine Hauptrolle spielt.

Wasser und Feuer, Dürre und Wüste, Himmel und Finsternis. All diese Elemente werden ausdrücklich im Bibeltext erwähnt. Aber in den Bildern Erich Grüns formen sie die monumentale stimmungs- und inhaltsstiftende Kulisse der einzelnen Szenen. Schon die anfängliche Darstellung von Elias' Verkündung der jahrelang andauernden Naturkatastrophe der Dürre als überirdisches Strafgericht wegen Abgötterei, mit der die Abläufe in Bewegung gesetzt werden, die den Fortlauf aller Handlung bestimmen wird, ist der Prophet als transparente Folie vor der zusammenbrauenden Macht der Natur zu erkennen (Abb. S. 7). In zahlreichen Bildern der Elias-Geschichte sind gar keine Menschen zu sehen, was in den mittelalterlichen Bilderfolgen undenkbar wäre. Oft handeln sie sich um die Wiedergabe einer kurzen, künstlerisch nie wahrgenommenen Textstelle, die aber eindringlich als vertiefendes Handlungselement wie auch als Sinnbild gezeigt wird, so zum Beispiel "Der Himmel wird schwarz von Wolken und Wind" (Abb. S. 47). Wenn schon, dann erscheinen Menschen vor diesem Hintergrund oft nur als kleine Silhouetten. Und so geht etwa der Klageruf der Menschen angesichts der bevorstehenden Dürrehungersnot "Hilf, Herr! Hilf, Herr! Willst du uns denn gar vertilgen?", der bei Mendelssohn-Bartholdys stürmisch vom vollen Chor beschwört wird, bei Grün nur von einer einzelnen Kehle aus, von einem rücklings gesehenen, verzweifelt gestikulierenden Menschen am unteren Bildrand (Abb. S. 9). Die Natur ist hier ein gewaltiges und göttliches Kraftfeld, von dem alle Ereignisse zwischen Schuld und Sühne ausgehen.

Noch mehr als bei seinen alttestamentlichen Bildern der 80er Jahre weisen die vorwiegend von der Natur bestimmten Elias-Bilder Erich Grüns trotz aller lesbaren narrativen Elemente den Weg in eine gestische Abstraktion hin. Die umrissenen Formen mancher Personen oder Personengruppen fließen in einer reduzierten Bildsprache aus wenigen Linien ineinander, so wie bei der Begegnung des Propheten mit König Ahab (Abb. S. 23). Und da, wo es um transzendente Elemente gebt, etwa bei der Szene mit der Witwe, deren Sohn auf den Tod darniederliegt, die sagt "Wirst du denn unter den Toten Wunder tun? Es ist kein Odem mehr in ihm!" (Abb. S. 19) zeigt Grün nicht, wie früher, die Frau im Gespräch mit dem Propheten über dem ausgestreckten Körper des Sterbenden. Vielmehr geht der Maler auf den zentralen Kern der Geschichte ein, den er als eine fast rein abstrakte Komposition ergreifend mit zwei dunklen amorphen Formen zeigt, die nunmehr nur ein fragiles Zeichen der Leere zwischen sich aufweisen können.

Dementsprechend liegt auch Grüns Lösung folgerichtig nah, alles Zeitliche beiseite fallen zu lassen. Kein falscher Historismus á la Hollywood Monumentalfilme oder gar eine Verschiebung der Szene und Szenario in die eigene Lebenszeit kommt hier vor, wie es etwa niederländische oder italienische Meister des 15. Jahrhunderts einerseits oder Otto Dix im vergangenen Jahrhundert anderseits gern gehandhabt haben. Eine Schar langer zeitloser Mäntel genügt, um eine Menschenmenge zu beschreiben (Abb. S. 26). Denn auf das Übergeordnete an der Geschichte des Elias kommt es auch an.

Es sind diese Elemente, auf die sich Grün konzentriert. Zeichen und Symbole statt narratives Handeln, Licht und Natur statt predigender Prophet oder Leere und Ockerfarben umgeben einen unruhig sich fortbewegenden Elias in der Einsamkeit der Wüste auf der mühseligen, vierzig Tage und vierzig Nächte andauernden Wallfahrt zum geweihten Berge Horeb (Abb. S. 81). Heiße rote abstrahierte Flammen kennzeichnen die Erscheinung des Jahwe dort und die ehrfurchtgebietende Erfahrung, die ihn auf dem Gipfel des Bergs erwartete. Und dieses strahlende Rot symbolisiert auch die neue geistige Kraft, mit der Elias fortan das Wort Gottes auf Erden predigte, bis er am Ende (Abb. S. 90) in einem glühenden Wagen zum Himmel fährt.

Michael Wolfson

Zufälliges Bild

(ohne Titel)
Nr. 165
Datiert auf 2003
Öl auf Hartfpl
100 x 100 (Rahmen: 115,1 x 115,5)


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