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Das Neue Testament

Erich Grün: Bilder zum Neuen Testament

Es ist gewiß kein Zufall, daß der seit Jahrzehnten in Hannover lebende Maler Erich Grün in den letzten Jahren mit Vorliebe Bilderzyklen geschaffen hat. Seine künstlerische Vitalität, die in einer expressiven Darstellungsweise den ihr angemessenen Ausdruck findet, ist so groß, daß ein einzelnes Blatt nicht ausreicht, um die ihn bedrängende Fülle der Gesichter wiederzugeben. Erst in der Folge thematisch miteinander verbundener Bilder nehmen seine Visionen die Gestalt an, die ihm als gültig erscheint. So entstanden 1980 die Illustrationen zu dem finnischen Nationalepos "Kalevala", die im Grunde mehr sind als erläuternder Bildschmuck, nämlich eine dem mythischen Ursprung dieser Liedersammlung verpflichtete Umsetzung von poetischer Dichte und dramatischer Kraft. Durch Vermittlung des Bundespräsidenten von Weizsäcker werden die "Kalevala"-Aquarelle Erich Grüns in Kürze in Finnland ihren endgültigen Verbleib finden. 1981 vollendete der Künstler seine Bilder zum Alten Testament, die während des Evangelischen Kirchentages 1983 in Hannover und anschließend in der Evangelischen Akademie Loccum gezeigt wurden. Daß Grün sich auch mit dem Neuen Testament beschäftigte, ergab sich logischerweise wie von selbst. Auch dem germanischen Sagenkreis wandte er sich zu. Die antike Mythologie jedoch hat er bis jetzt noch ausgespart, aber vielleicht reizen ihn Zeus und Leda, Odysseus und Nausikaa doch noch...

Die 1984 fertiggestellten Bilder zum Neuen Testament, 78 Aquarelle und ein großformatiges Gemälde - die Abendmahlsszene -, stehen unter dem Motto "Das Zeugnis von Jesus Christus in den Evangelien". In diesem Zyklus, der in Hannovers Marktkirche zu sehen war, schildert Erich Grün Stationen des Lebensweges, lenkt den Blick auf Menschen in der Nachfolge, verweist auf die Hinwendung zu Elenden und Ausgestoßenen und setzt sich mit dem Themenkreis Predigt und Lehre auseinander.

Wie schon in den Blättern zum Alten Testament kümmert sich der 1915 als Sohn deutscher Eltern in Sibirien geborene, in Deutschland aufgewachsene und bei Moritz Melzer in Berlin, Erich Rhein und Adolf Vogel in Hannover ausgebildete Maler nicht viel um die reiche Überlieferung der christlichen Kunst. Von dem im Neuen Testament berichteten Geschehen, von den Zeichen, Wundern und Verheißungen ergriffen, doch frei von dogmatischen Bindungen, erzählt er in seinen Bildern die Heilsgeschichte auf seine Weise nach. Großzügig, sich nicht in Einzelheiten verlierend, hebt er das ihm Wesentliche hervor; das aber sind die Köpfe, vor allem ist es das Haupt Jesu Christi. Immer wieder bannt es den Betrachter mit seinen Blicken: ein hageres Antlitz, von schwarzem Haar und Bart umrahmt, in dem grün die Augen brennen, fragen, mahnen ...

In einer Emil Nolde verwandten Aquarelltechnik läßt Grün Gestalten und Gesichter aus der nassen Malfläche herauswachsen, Aquarellstifte helfen ihm, Umrisse zu klären und Akzente zu setzen. Die Bilder sind, einige zu wörtlich übersetzte Szenen nicht gerechnet, alles andere als brave Illustrationen. Realität und Phantasie durchdringen einander mit ungestümem Schwung ebenso eigenwillig, wie sich Gegenständliches mit abstrakten Formen verbindet. Vor allem dank der Ausdruckskraft der Farben erlangen zahlreiche Blätter visionären Charakter. Trotz des verhältnismäßig kleinen Formats besitzen die Darstellungen etwas Monumentales, sie lassen das Außerordentliche dessen spüren, was die Evangelisten aufgezeichnet haben. Dieses Außerordentliche spiegelt sich nicht immer nur in dramatisch bewegten figurenreichen Szenen wie etwa Jesu Gefangennahme oder dem Verhör vor dem Hohen Rat, sondern auch in Blättern, in denen still, aber eindringlich die Stimme der Natur vernehmlich wird, so im "Aufbruch nach Gethsemane" oder im "Golgatha"-Aquarell: Hier erscheint das Geschehen eingebettet in eine Landschaft, über der sich ein riesiger Himmel aus Farbwolken wölbt. Das Sinnbildhafte dieser Bilder - und nicht nur dieser - ist unverkennbar.

Rudolf Lange

Gedanken eines Theologen zu den Bildern von Erich Grün

Hans Werner Dannowski

Ganz persönliche Gedanken und Anmerkungen sind dies. Ein anderer mag dies und jenes ganz anders empfinden. Und schon gar nicht will hier ein Theologe oder gar die Theologie über einen Maler zu Gericht sitzen. Dieser Theologe hier ist fasziniert von der Kraft der Bilder und von der Klarheit des malerischen wie des denkerischen Zugriffs. Er hat seine Vorlieben und seine Abneigungen, wie könnte das anders sein. Und er versucht, mit seinem theologischen Denken sich diesen Bildern zu stellen.

In vier Gedankenreihen möchte ich meine Betrachtungen konzentrieren und diese jeweils von einem Bild (oder gelegentlich auch von mehreren) ausgehen lassen.

1.

Da ist das Bild über eine der Ostergeschichten. Zwei Jünger auf dem Weg. Nicht besonders pointiert und ausdrucksvoll sind sie gemalt, ein wenig leer und ratlos sind sie, zwei Gestalten in einer Figur, einig in ihrer Ratlosigkeit, wie es wohl auch ihre Gesamtverfassung ist. Von der Seite tritt eine dritte Figur hinzu, mit dem Gesicht, das man kennt von vielen anderen Bildern dieses Zyklus. Jesus ist es. Unter dem Bild die Bildinschrift "Die Emmaus-Jünger, Lukas 24". Ja, man hätte es wahrscheinlich auch ohne diesen Hinweis erraten. Die Geschichte der beiden Jünger, die nach der Kreuzigung Jesu ratlos und niedergeschlagen sich auf den Weg von Jerusalem nach Emmaus machen. Und die zugleich verwirrt sind über die Gerüchte, die unter den Jüngern zu kursieren beginnen und die von Erscheinungen des Auferstandenen berichten. Die Geschichte, die man kennt, verstrickt sich unauflösbar mit dem Bild, man sieht die drei miteinander weitergehen auf dem Weg: Mußte nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen? Und dann bitten sie ihn zu bleiben: Herr, es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget. Schließlich erkennen die beiden Jünger Jesus an der Weise, wie er das Brot mit ihnen bricht Grüns Bilder sind Bibelillustrationen. Wir haben neulich in unserer Pfarrkonferenz darüber diskutiert, ob die Bildunterschriften unabdingbar seien und was mit den Bildern geschieht, wenn man sie wegließe. Der Maler meinte, es würde ihm nicht schlecht gefallen, wenn sie sich als überflüssig erweisen würden. Als Übergangsphänomen, nicht als mehr wollte er sie verstanden wissen.

Aber, wende ich ein, damit ändert sich doch an dem Charakter dieser Bilder nichts. Diese Bilder konstituieren nach meinem Urteil keine eigene Wirklichkeit. Sie sind bezogen auf eine andere Wirklichkeit, die sie nun freilich nicht wiederholen, aber doch auslegen, interpretieren, sich damit auseinandersetzen wollen. Ja, es ist für mein Verständnis das höchste Lob, das man diesen Bildern theologisch zollen kann, daß sie auslegenden Charakter haben. Sie schreiben ihre eigene Geschichte so, daß sie sich von vorne bis hinten auf eine andere Geschichte beziehen. Sie sind darauf angelegt, daß sich aus Bild und Geschichte die eigentliche Wirklichkeit im Kopf und Herz des Betrachters zusammensetzt. Sie haben keinen Vollständigkeitsanspruch, sie haben Verweischarakter. So sind es auch oft nicht die für eine Perikope entscheidenden Züge, sondern die anregenden, die weiterführenden. Die Züge, die einen selbst ins Nachdenken bringen. Hier bei der Geschichte von den Emmausjüngern nicht das Erkennen, das Wiedererkennen des Auferstandenen, dem einst doch so Vertrauten. Sondern der Augenblick des Hinzutretens, von dem aus sich dann alles andere entwickelt.

Diese Bilder Erich Grüns entzünden sich als Bibelillustration an der Geschichte Jesu Christi, um damit in Verbindung mit der biblischen Geschichte einen eigenen Prozeß beim Betrachter in

Gang zu setzen. Darin liegen für mich Erich Grüns Stärken: in dem Zugriff auf die Geschichte Jesu Christi.

2.

Da ist ein anderes Bild: Herr, hilf uns, wir verderben. Die Jünger im Boot auf hochgehender See, quasi zwischen Himmel und Erde. Eine Fahrt von der Höhe in die Tiefe und aus der Tiefe in die Höhe. Und ein Schrei des Entsetzens und der Verzweiflung, ein Schrei um Hilfe. Wird er gehört werden, dieser Schrei? Und dann urplötzlich die Hilfe, das Gesicht Jesu groß über dem Boot, größer als die Not überhaupt sein kann. Nichts sonst, keine Hand, kein Arm, nur ein Gesicht, freundlich schauend. Und alsbald legt sich der Wind, das ahnt man, das weiß man in sicherer Gewißheit, und die Jünger sind an Land.

Erich Grün malt Geschichten aus dem Leben Jesu. Den Fischzug des Petrus malt er und Jesus am Kreuz, Wunder und Begebenheiten, Begegnungen und Auseinandersetzungen. Aber er malt keine Biographie Jesu. Mit intuitiver Sicherheit erfaßt er eine Wahrheit, die die neutestamentliche Forschung in jahrhundertelanger Erforschung des Neuen Testamentes erst zu langsamer, aber zu einer heute unumstößlichen Sicherheit gebracht hat. Das Neue Testament schreibt keine Biographie Jesu. Die vier Evangelien haben in und trotz aller ihrer jeweiligen Besonderheit etwas grundsätzlich Gemeinsames: sie sind Zeugnisse, sie sind Bekenntnisse. Aufgeschrieben zu einer Zeit nach Kreuz und Auferstehung, aufgeschrieben zu einer Zeit, da die Kirche aus der Gegenwart des Auferstandenen lebte. "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Sicher enthalten vor allem die drei ersten Evangelien auch biographische Notizen, beziehen sich auf die Geschichte jenes Jesus von Nazareth, der am Kreuz sein Ende fand. Selbstverständlich sind die Zeugnisse des verkündigten Jesus auch auf den historischen Jesus zu beziehen. Aber wir haben nicht ein einziges Zeugnis bis auf wenige Kurznotizen, das nicht aus der glaubenden Gemeinde käme. Hier wird Geschichte vom auferstandenen Herrn her geschrieben. Geschichte wird zum Zeugnis.

Grün hat darin den Charakter der neutestamentlichen Geschichte konsequent und treffsicher nachempfunden, als er nirgendwo eine unbeteiligte Biographie herausarbeitet. Das Gesicht des Christus taucht in vielen Geschichten unverkennbar auf, oft sogar - wie auf dem Plakat des Einzugs in Jerusalem - in typischer Verdoppelung, sozusagen in historischer und verkündigter Gestalt. Im Grunde sind alle seine Geschichten Auferstehungsgeschichten, zeugen von dem

Glauben an den Herrn, dem Wind und Wetter und auch der Tod gehorsam sind. Hier kommt ein Anderes in unser Leben hinein, die Kraft, die als Gottes Kraft eine neue Geschichte in dieses zerstörte Leben schreibt.

3.

Da sind die Portraits der 12 Jünger Jesu. Von Simon Petrus, Jakobus und Johannes bis zu Thomas. Ein Gesicht neben dem anderen. Man schreite sie einmal ab, diese Kette der Gesichter. Man schreite sie insgesamt einmal ab, diese Ausstellung. Für Erich Grün ist das Neue Testament eine Kette von Gesichtern. Dämonische Gesichter, wie Judas Ischarioth. Urige, knorrige Typen wie Bartholomäus und Thaddäus. Sympathisch nahe wie der Zweifler Thomas. Zerstörte, gespaltene und hoffend aufgerichtete Gesichter.

Dies wird für jeden, der mit der Bibel umgeht, der überraschendste Aspekt dieser Ausstellung sein. Biblische Geschichten, das sind für mich Handlungen und Gespräche. Das sind Menschen, deren Namen genannt werden, aber die nirgendwo beschrieben werden. Kein Mensch weiß, wie Jesus ausgesehen hat, nirgends wird beschrieben, ob Petrus groß oder klein war, fett oder drahtig, blondgelockt oder kahlköpfig. Die biblische Geschichte ist eine Geschichte ohne Körper und Gestalten. Und hier nun also: Gesichter, Gesichter, Gesichter.

Fast alle Gespräche, die ich hier anläßlich dieser Ausstellung mitgemacht habe, kreisen um diese Fakten. Diese Gesichter faszinieren viele, kommen vielen aber auch zu nahe. Nach dem Sinn des Bilderverbotes zu fragen, fiel einem angesichts dieser vielen Gesichter ein. Ob die Gesichtslosigkeit der Geschichten des Neuen Testamentes nicht auch einen tiefen Sinn haben könnte, fragt sich jemand. Etwa den, daß wir uns als Glaubende um so schneller damit identifizieren können, daß wir uns selbst eintragen können in dieses Gesicht, als verleugnender Petrus etwa oder als zweifelnder Thomas oder gar als verratender Judas Ischarioth. Diese Gesichter hier aber legen fest, begegnen als eine fremde Wirklichkeit, die einem gegenübertritt und mit der man sich als eine andere Wirklichkeit erst einmal auseinandersetzen muß. Was, so sollen die ausgesehen haben?

Aber die Bilder Erich Grüns schreiben, denke ich, auch hier keine Biographie. Hier wird die Konkretheit der Auslegung am weitesten vorangetrieben in unserer Zeit. Und diese Auslegung besagt, daß die Jüngerschaft Jesu vor allem eine Bewegung von unten war, damals so wie heute. Keine feinnervigen Genießer,

keine Staatsmänner und Idole. Sondern Männer (und Frauen) von nebenan, Fischer und Zöllner damals, handfeste Leute von der Straße in jeder Hinsicht Leute. Verschlagen auch, keine Idealität, sondern so genommen, wie sie eben sind. Eine Anfrage steckt darin an uns alle, ob wir den christlichen Glauben allzusehr von oben sehen. Nicht aus der Sicht der kleinen Leute, nicht unter proletarischem Aspekt, in dem die Kirche ihre frühere Kraft entfaltet hat.

4.

Da ist das Bild der Kreuzigungsszene. Golgatha steht darunter. Ein erstaunliches Bild, entgegen aller üblichen Ikonographie. Wo sonst das Geschehen an den Kreuzen entscheidend in den Mittelpunkt tritt, bleibt es hier klein am Rande. Kaum zu sehen, was sich da ereignet, kaum zu glauben, daß sich da Entscheidendes vollzieht. Und dennoch verändert dieses Geschehen dort die Welt. Die ganze Weite des Himmels und der Welt ist überzogen von einem zarten Rot.

Die Versöhnung Gottes mit der Welt, die am Kreuz Christi vollzogen ist, hat einen kosmischen Aspekt. Es ist dieser kosmische Aspekt, der mich persönlich am meisten berührt. Wahrscheinlich deshalb, weil so viele Gesichter mir setkonkret entgegengetreten sind. Ich sehe sie nun eingeordnet, klein und verschwindend, in ein großes Ganzes.

Hier wird das nun vor allem jeder anders empfinden. Aber die Bilder, die diese kosmische Ausstrahlung haben, gehören zu meinen Lieblingsbildern. Der Kampf in Gethsemane, Jesus klein und allein, die drei Jünger nur als Schemen. Und dann die Weite des Blaus, die Gefährdung alles Kommenden. "Ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber, aber nicht wie ich will, sondern wie du willst." Und dann das Hohepriesterliche Gebet. Die ähnliche Darstellung, die kleine Figur des betenden Jesus, und doch alles ganz anders, die Gewißheit der Erhörung, die Gewißheit der Einheit zwischen Vater, Sohn und Jüngern. "Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast." Bilder, die einen warm oder kalt umfangen und die einen nach der Bedeutung und Wirksamkeit der Farben fragen lassen. Bilder sind das, vor denen ich immer wieder stehen und in die hinein ich mich versenken kann. Die Himmelfahrt: schön, wie da sich im Himmel eine Gestalt zeigt oder auch nicht, so wie Wolken sich zusammenschieben, und auf einmal meint man etwas zu sehen, was man innerlich längst weiß. Der Glaube ist nicht nur in den Gesichtern, spiegelt sich wider in den Geschehnissen. Nein, er hat eine kosmische Dimension, umfaßt Himmel und Erde und alles, was wir denken und erfassen können.

Zufälliges Bild

(ohne Titel)
Nr. 1572
Datiert auf 2004
Aquarell
48 x 62,5 (Rahmen: 65 x 80)


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